Horrornacht

Die letzte Nacht war der Horror. HORRRRRORRRR!!!!

Es läuft irgendwie nix so richtig gut im Moment, mein Freund ist arbeitslos, wir hängen in so einem stinkigen Kaff fest und versuchen verzweifelt in der nächsten Großstadt eine Wohnung zu finden – was ohne Job und als Selbstständige offenbar an die Umöglichkeit grenzt. Außerdem fehlt uns das nötige Kleingeld um eine auch nur halbwegs akzeptable Wohnung zu finden.

Jedenfalls läufts halt irgendwie nicht, auch zwischen uns nicht – was ihn natürlich auch stresst. Besonders dass tote Hose im Bett ist. Ich kann einfach nicht. Ich will einfach nicht. Ich empfinde es als total unnötig und dass es mindestens tausend wichtigere Dinge gibt.

Eskalierte in einem unserer ewigen Gespräche spät nachts wo eines zum andren führt und von „wir sollten uns vielleicht besser trennen“ bis hin zu „lass uns heiraten“ alles dabei ist.

Jedenfalls sprechen wir nur in solchen nächtlichen Gesprächen offen, besonders über meine Zukunftsängste und dass ich das Gefühl habe meine Zukunft nicht frei planen zu können. Natürlich kann ich planen, aber die Gefahr, dass es anders kommt ist bei mir deutlich höher als bei Nicht-MS-Patienten. Dieser Scheiß kann mir jeden Tag einen Strich durch die Rechnung machen. JEDEN VERDAMMTEN TAG. Und ich kann NICHTS dagegen tun, absolut gar nichts. Ich hasse es, nicht die Kontrolle zu haben.

Mein bisheriges Leben war nicht gerade so prickelnd, schwierige Familienverhältnisse, kein Vater, Stiefvater, auch wieder weg, kein Geld, früh von zu Hause weg, noch weniger Geld, Kredite ohne Ende. Ich habe daher fast mein ganzes Erwachsenenleben Kredite abbezahlt. Das war immer das wichtigste, alles bezahlen zu können und keine weiteren Schulden zu machen. Alles andre mache ich dann später. SPÄTER. SPÄTER. Doch noch bevor ich den letzten Kredit ausgezahlt habe, kam die Diagnose. Und die Panik. Ich hatte mir eigenlich ausgemalt, dass ich mich irgendwann rausarbeite und dann ein schönes Leben aufbaue, endlich die Welt sehe und mir meine beruflichen Träume erfülle. Dann geht’s erst richtig los.

Ich hab die letzte Kreditsumme abgezahlt kurz bevor ich das Land verlassen habe, um eben in einem anderen Land neu anzufangen. Neues Land, neue Leute, neue Selbstständigkeit. Und das alles mit dieser scheiß MS, die an mir klebt und gegen die ich nix tun kann. Sie  liegt wie ein allgegenwärtiger Schatten über meinem Leben. Manchmal ist es so dunkel, dass ich mir einfach wünsche neu anzufangen. GANZ NEU. So ein „Reset“ Knopf wäre das allerbeste.

Weil ich aber niemanden damit belasten will bzw. das Problem habe, dass es sowieso niemand wirklich versteht rede ich einfach nicht darüber. Was soll darüber reden auch ändern?! Ich  kenne keinen Fall in der MS einfach weggerredet wurde.

Und wenn ich dann mal darüber rede – wie letzte Nacht – dann bricht alles über mich herein. Ich kriege Heulkrämpfe, Angstzustände und fühle mich alleine und ohnmächtig. Das ist einfach nicht das Leben wie es mir vorstelle. Und dass ich offenbar auch nicht mehr so wirklich mitbestimmen kann wo es hinführt macht es nicht unbedingt besser. Es ist als einäugige Fotografin schon schwierig, aber wenn ich mal nicht mehr richtig gehen oder am andren Auge auch nicht mehr so gut sehen kann ist alles vorbei. Ich habe keinen Plan B. Ich habe offenbar überhaupt keinen Plan. Und selbst wenn ich einen hätte ist ja die MS immer noch da um alles durcheinanderzubringen.

Retrospektiv betrachtet, würde ich so ziemlich alles anders machen in meinem Leben. Aber solange man gesund ist, denkt man überhaupt nicht an sowas. Man macht sich einfach keine Gedanken. Dieses kleine Wort „später“ kommt ständig vor. Und dass man später vielleicht nicht mehr so kann wie man will… tja, daran hab ich auch nicht gedacht. „Mir passiert sowas nicht“ Hab ich von meiner Mutter gelernt. Die meinte immer zu allem „mir passiert sowas nicht.“ Hat den Krebs aber leider auch nicht von ihr ferngehalten. Und auch die MS von mir nicht.

Von meiner Mutter habe ich auch gelernt niemals Schwäche zu zeigen oder zu meinen Gefühlen zu stehen. Das macht alles noch schwieriger und Zusammenbrüche wie letzte Nacht noch schlimmer. Ich fühl mich einfach alleine, unverstanden und weiß nicht wohin mit meinen Ängsten und Gefühlen. Mir stundenlang die Augen auszuheulen in der Nacht bringt wahrscheinlich auch nicht viel, aber manchmal kann ich das nicht aufhalten.

Ich habe also nix geschlafen und total verheulte Augen…. und wünsche mir immer noch diesen „Reset“ Knopf.

Eigentlich wäre heute auch wieder Laufen angesagt. Seit ich wieder das erste Mal joggen war, war ich tatsächlich jeden zweiten Tag und laufe mittlerweile 4,5 km in 20 Minuten – im Vergleich zum ersten Mal eine deutliche Steigerung. Aber ich fühle mich nicht in der Lage das Haus auch nur zu verlassen… vielleicht mache ich wenigstens meine Pilatesübungen auf meiner kleinen Yogamatte im Wohnzimmer, um nicht ganz unnütz rumzuhocken heute.

Und nach außen hin natürlich immer schön fröhlich… für meinen Job, für die Kunden und für alle andren, die nicht wissen dürfen wie es in mir wirklich aussieht.

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2 Gedanken zu „Horrornacht

  1. ich hab erlebt, dass wenn jemand schwäche zeigt, sich verletzlich zeigt, man gar keine lust mehr hat denjenigen zu ärgern, nerven oder was auch immer.
    zwar finde ich es immer noch schwer schwäche zu zeigen und die mich zum teil sehr verwirrenden gefühle zu zeigen, aber zumindest hat mich diese erfahrung gelehrt, dass es nichts all zu schlimmes ist, sogar auch etwas positives.

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