Der elektrische Stuhl

Ich hab die MS laaaange Zeit ignoriert oder verdrängt, aber jetzt habe ich beschlossen mich mal wieder damit zu beschäftigen – nicht zuletzt weil mir mehrere Ärzte dazu geraten haben das „mal wieder anschauen zu lassen“. Also habe ich mir in  meiner neuen Heimat nach sehr langem Überlegen und Zögern eine neue Neurologin gesucht und hatte vor kurzem meinen ersten Termin bei ihr. Nachdem sie sich durch die gesammelten Werke der Vorbefunde gewühlt hat, hat sie genau gar nix gesagt. Ich müsse – natürlich – erstmal ein paar andere Tests machen und Befunde einholen. Und einer dieser Tests fand heute statt: Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (Übrigens mein Unwort des Jahres 2012!)

So einen Test habe ich vor Jahren schonmal gemacht, allerdings in einer anderen Angelegenheit und meine Erinnerung daran ist nicht unbedingt die Beste. Ich war also entsprechend angespannt als ich mich in den roten Stuhl gesetzt habe und mir die  Arzthelferin die Elektroden an den Kopf geklebt hat. Dann heißt es zurücklehnen während einem zuerst durch beide Beine und dann durch die Arme Strom gejagt wird um zu messen wieviel und wie schnell der Reiz im Hirn ankommt. Zuerst das rechte Bein. Ein Durchgang und noch einer. Die Arzthelferin sagt „Hm, ich bin nicht zufrieden.“ Ja, frag mich mal. Irgendwie hat das nicht funktioniert – es muss noch ein Durchgang ran. Der klappt wieder nicht. Ich solle mich entspannen, fällt mir langsam schwer um ehrlich zu sein. Erstmal den Fuß wechseln, jetzt pulsiert der Strom durch mein linkes Bein. Ich schließe die Augen und denke an Palmenstrände, türkisblaues Meer und Sommer. Es funktioniert. Könnte auch daran liegen, dass die Strommenge deutlich erhöht wird. Dann wieder das andre Bein, langsam wird’s unangenehm, aber es funktioniert.

„Ist ja fast wie am elektrischen Stuhl hier“ scherzt die nette Dame. „Welche Beschwerden haben sie denn?“
„Öhm, gar keine….“
Sie sieht mich mit großen Augen an.
„Najaaaa, ich hab ein paar Probleme mit meinem Aug, aber sonst gehts mir aktuell gut“
Ihre Augen werden größer.
„Andere würden wahrscheinlich schon jammern bei den Beschwerden, die ich hab, aber eigentlich gehts mir gut.“ Und da fällt der Groschen bei mir erst. „Achsooooooo“ platze ich heraus. „Ich hab Multiple Sklerose“

Ich hab das irgendwie nicht als „Beschwerde“ gesehen, manchmal vergess ich das sogar selbst zu erwähnen oder gehe davon aus, dass alle wissen warum eigentlich da bin.

Danach kommen noch die Hände dran, selbe Prozedur, anderes Körperteil. Irgendwann ist es auch überstanden.

Natürlich frage ich gleich ob das Ergebnis gut oder schlecht ist, aber wie üblich bekomme ich keine Aussage. Das müsse ich mit der Ärztin besprechen. Diese sehe ich übrigens erst wieder Ende Januar, weil das der nächste Termin ist den ich dafür bekomme.

Als nächstes stehen noch eine Blutabnahme und ein MRT auf dem Programm.

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Dr. Spaßbremse

Heute war es also soweit: ich hatte meinen ersten Termin in einer neuen Praxis, in einem neuen Land. Ich konnte mich endlich dazu aufraffen da anzurufen und mir einen Termin zu holen. Zum Glück muss ich nicht lange warten. Es ist eine Ärztin, sie scheint viel um die Ohren zu haben. Ich gebe ihr all meine Vorbefunde (und das sind ne Menge), sie notiert sich Dinge und guckt meine MRT Bilder an. Dann kommt die obligatorische neurologische Untersuchung, dich ich persönlich immer als ein wenig entwürdigend finde. Vor allem weil man die Hosen, Socken und Schuhe ausziehen muss und dann wie bei einer Alkoholkontrolle mit geschlossenen Augen auf und ab gehen oder sich mit den Fingern an die Nasenspitze fassen muss. Als ich dann da so in meinem Schlüpfer stand und mich umdrehte, um auf den Zehenspitzen zum Schrank zu laufen fragt die Ärztin „Sie  machen keinen Sport, was?“ Ähm, danke. Weil die Untersuchung noch nicht peinlich genug ist. Ich fasse mir unbewusst an meine Oberschenkel und gebe kleinlaut zu „Nein, mache ich nicht.  Aber ich habe einen körperlich sehr anstrengenden Beruf“ Puh.

Während sie die Reflexe testet und mir in die Augen leuchtet stellt sie mir seltsame Fragen
„Fallen Ihnen oft Dinge aus der Hand?“
„Ja, aber das war immer schon so. Ich bin sehr tollpatschig.“
„Ist es schlimmer geworden in letzter Zeit?“
„Wie? Noch schlimmer, das geht ja kaum noch“

Nächste Frage:
„Sind sie launisch?“
„Ähm, ja… aber ich bin auch eine Frau“
„Ist ihre Muter launisch?“
„Meine Mutter ist schon gestorben“
„Woran?“
„Krebs“
„Wie alt war sie?“
„61“
„Hm. War ihre Mutter also launisch?“
„Naja… vielleicht. Aber sie war auch eine Frau“

Ich befinde Frau Doktor als etwas spaßbefreit. Beste Freundinnen werden wir wohl nicht werden.

Nachdem wir alle Fragen geklärt und alle neurologischen Untersuchungen hinter uns gebracht haben, notiert sie noch mehr in ihren Computer und gibt mir einen neuen Termin für eine Nervenleitgeschwindigkeitsmessung. Und ich muss zum MRT (wie überraschend).
Bisher war auf all meinen MRTs – außer der starken Sehnerventzündung – nichts zu sehen. Man sollte ja weiße Flecken sehen im Hirn. Das sind die bösen Flecken, die von der MS kommen. Auf meinen MRTs sind allerdings keine sichtbar. Wäre wohl durchaus möglich, ungefähr 2% aller Patienten hätten solche MRT Bilder. Warum wundert es mich jetzt nicht, dass ich nicht zu den 98% gehöre?!

Sie teilt mir ganz ernst mit, dass man mich trotzdem als „ganz normale“ MS-Patientin behandeln müsse. Das war mir irgendwie schon klar, aber danke. Mehr könne sie mir jetzt nicht sagen, das besprechen wir nächstes Mal – Ende Jänner ist das übrigens.

Als nächstes: Nervenleitgeschwindigkeitsmessung.