Neue Apotheke

So. Wir sind also umgezogen. Mal wieder. Eine neue Stadt. Neue Umgebung. Neues Leben. Naja, fast. Man muss dazu sagen: Ich liebe umziehen. Sonst würde ich mir das ja nicht alle zwei Jahre antun. Das einzige was ich nicht mag am umziehen ist, dass ich mir jetzt neue Ärzte suchen muss. Und eine neue Apotheke. Die muss man sich jetzt nicht suchen, die sind ja an jeder Ecke. „Meine“ letzte Apotheke war echt toll, sie war auf der gegenüberliegenden Straßenseite, hatte von 8-20 Uhr geöffnet und das täglich, es waren viele nette und freundliche Mitarbeiter, die alle nach einer Zeit schon wussten was ich brauche. Die hatten den Avonex Pen sogar meistens lagernd da.

Vor kurzem war ich zum ersten Mal in der nächstgelegenen Apotheke des neuen Heims, eine kleine Eckapotheke. Mir ist es zwar nicht unangenehm per se da mit meinem Rezept aufzutauchen, aber angenehm ist es nun auch wieder nicht. Die Dame war freundlich und lächelte, sie nimmt mein Rezept entgegen und tippselt in ihren Computer. Offenbar ist sie mit Avonex nicht so vertraut wie meine alten Apotheker. Ich weise sie nochmal daraufhin, dass ich auf jeden Fall den Fertigpen brauche, da sie es im Großhandel bestellen muss. Sie sagt leicht schockiert „Das ist aber etwas teurer.“ Was besseres als ein plumpes „Das zahlt ja die Krankenkasse“ ist mir allerdings nicht als Antwort darauf eingefallen. Nicht gerade die intelligenteste Antwort, wenn ich mal reflektiere. Ich hätte auch einfach die Klappe halten können, aber es ist ja nicht so, als würde ich mich darum reißen dieses schweineteure Medikament zu nehmen. Ganz im Gegenteil.

Am nächsten Tag hab ich meine Spritzen abgeholt und auf die Frage, ob ich auch eine Tüte möchte hab ich nur geantwortet „Ist vielleicht besser so, nicht dass es noch jemand aus dem Auto klaut – ist ja etwas teurer“.

Just another Arschloch Donnerstag

Vor kurzem hatte ich mal wieder die ungeliebte Kombination von „Spritzen-Mittwoch“ und „Arschloch-Donnerstag“ hinter mir. Für alle, die es nicht wissen: ich spritze mir seit vielen Monaten am Mittwoch Abend Avonex in den Oberschenkelmuskel und leide daraufhin Donnerstag vor mich hin. Das hat natürlich mein Leben etwas auf den Kopf gestellt. Alles plane ich um diese zwei Tage herum. Donnerstag ist zu meinem unfreiwillig freien Tag geworden, das heißt ich arbeite „nur“ im Büro und versuche mich von Aufträgen wo ich tatsächlich mit meiner Kamera raus muss zu drücken. Das klappt in 90% der Fälle eigentlich ganz gut, aber letzte Woche ließ es sich nicht vermeiden. Der Termin musste an einem Donnerstag stattfinden und das auch noch vormittags. Entsprechend gestresst war ich deswegen, aber hilft ja nix. Es war ein netter Auftrag, auf den ich mich unter normalen Umständen gefreut hätte.

Mittwoch Abend dann die übliche Spritzenprozedur, wobei ich echt Routine entwickelt hab. Eigentlich. Denn diesmal fiel’s mir echt mal wieder schwer abzudrücken. Ich musste mich echt zusammenreißen und überwinden.

Die Nacht war kurz, ich schlafe seit einigen Wochen eher unregelmäßig, schlecht und erst sehr sehr spät. Als am nächsten Tag der Wecker um 7 Uhr morgens klingelte, konnte ich mich kaum bewegen. Arschloch-Donnerstag war offiziell hier und machte seinem Namen alle Ehre. Erstmal ins Bad schleppen, eine Ibuprofen600 einwerfen und los zum Termin. Jetzt wieder das professionelle Gesicht aufsetzen, die gute gelaunte Fotografin sein und ja nichts durchblicken lassen. Das ist echt zermürbend. Zusätzlich zu den Schmerzen muss man auch noch so tun als hätte man gar keine und wär alles super. Manchmal würd ich’s den Leuten einfach gerne sagen. „Hey, mir geht’s heute nicht so gut. Ich habe große Schmerzen, weil ich mir gestern Abend ein starkes Medikament gespritzt hab“ Aber kannste ja nicht. Auf die Frage „Wie geht’s“ antworte ich meinen Standard „Gut, danke und selbst.“

Ich war schon lange nicht mehr so froh, dass ein Shooting vorbei ist. Arbeit konnte ich zum Glück ganz gut machen (denke ich zumindest). Aber es bewegt mich mal wieder dazu über diese ganze Avonex-Sache nachzudenken. Ist es das wirklich wert, zwei Tage in der Woche so neben der Spur zu sein um VIELLEICHT später etwas davon zu haben? Und wer kann mir helfen diese Entscheidung zu treffen? Ich finde, es ist keine Lebensqualität wie es derzeit ist und ich ziehe das schon sehr lange durch. Wie lange genau weiß ich gar nicht, aber sicher schon um die 8 Monate. Es hat sich deutlich gebessert zu den ersten Malen. Oh gott, die ersten Wochen waren eine einzige Hölle. Aber so richtig gut ist es jetzt halt auch nicht. Irgendwie hab ich mir das so nicht vorgestellt, das Leben.

Am Freitag war ich übrigens zu einer kleinen Weihnachtsfeier eingeladen. Darüber hab ich mich sehr gefreut, dass ich schon etwas Anschluss in der neuen Stadt gefunden habe. Die Nachwirkungen von Arschloch-Donnerstag waren noch spürbar, deshalb hab ich noch eine Ibuprofen eingeworfen. Die Feier fand in einem Weinlokal statt und es wurde flaschenweise leckerer Wein bestellt. Ich trinke ja seit der Diagnose kaum noch, weil ich gefühlt ständig Tabletten, Cortison, Avonex oder sonstwas nehme. Aber ich hab mir zwei Gläschen Weißwein genehmigt und war daraufhin ziemlich beschwipst. Ich möchte einfach nicht ständig über alles nachdenken. Kann frau mit 31 Jahren nicht einfach mal ganz unbeschwert und ohne zu überlegen ein Gläschen Weißwein trinken?

Ich muss in nächster Zeit eine Entscheidung treffen, ob ich das Avonex weiter nehmen möchte oder etwas anderes mache. Oder ob ich gar nichts mache. Noch habe ich keine Ahnung wie ich das entscheiden soll, aber zuerst muss ich sowieso mal einen neuen Arzt finden. Das klingt nach Spaß!