4 Jahre MS… und alles normal

Diesen Artikel wollte ich eigentlich schon vor ungefähr einem Monat geschrieben haben, aber ihr kennt das ja… es gibt immer tausend Dinge, die einem von den Dingen abhalten, die man eigentlich machen möchte. Ganz schlimm.

Vor genau vier Jahren. Naja. Vier Jahren und einem Monat wurde bei mir MS diagnostiziert. Wie das schon klingt. Diagnostiziert. Ein ekelhaftes Wort. Noch viel ekelhafter war, wie es dazu kam, was da alles dranhing und was ich da vor vier Jahren (und einem Monat) durchmachen musste.

Es war ein grauer, widerlicher Wintertag. Ich weiß es noch genau: ich saß in einem dunklen Kämmerlein bei einem Chefarzt Dr. Sowieso der Augenklinik in einem der modernsten und größten Krankenhäuser Europas. Er tippt etwas in seinen Computer und sagt völlig beiläufig, emotionslos und gelangweilt „NA, sie haben Multiple Sklerose. Gehen’s runter in die Neurologie, wir sind nicht mehr zuständig“ Herzrasen. Schweißausbruch. Panik. Ungläubligkeit. Angst. Übelkeit. Nervenzusammenbruch. Ich stammle noch irgendwas und wackle dann mit weichen Knien zwei Stockwerke runter, gebe da meinen Papierkram ab um mich dann wieder mehrere Stunden im Wartebereich aufzuhalten. Alleine. Mit diesen Worten im Ohr, die noch nachklingen „Sie haben Multiple Sklerose“ Vor meinem geistigen Auge fahre ich schon im Rollstuhl durch die Gegend. Ich wollte doch noch soviel sehen, erleben, reisen, machen. Ich dachte, ich hätte noch das ganze Leben vor mir und noch soviel Zeit für alles. Ich war 27 Jahre jung. Aber ich fühlte mich alt.

Diesem Moment sind eine erstmal als Riss in der Netzhaut fehldiagnostizierte Sehnerventzündung voraus gegangen. Mir wurde das Aug in der Notaufnahme gelasert. Zwei Tage später war ich auf einem Aug komplett blind und mit starken Schmerzen bin ich wieder in die Notaufnahme. Von da zur Augenambulanz. Zum MRT. Zu unzähligen Tests.

Ich hab meinen Flug nach Thailand verpasst wo meine beste Freundin geheiratet hat. Ich hätte Trauzeugin sein sollen. Das Kleid hängt heute noch (!!!) mit Preisschild in meinem Schrank. Ich werde es nie anziehen und niemals wegwerfen. Es hängt da einfach. Als stilles Mahnmal.

In der selben Woche wurde bei meiner Mutter Lungenkrebs im Endstadium festgestellt. Meine Oma lag bereits im Sterben.

Es folgten weitere Tests und eine Lumbalpunktion (Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit), nur um endgültig festzustellen dass ich MS habe.

Der Sehnerv hat sich nicht mehr vollständig erholt, es ist eine Sehbehinderung an meinem rechten Aug entstanden.

Es war das beschissenste Jahr meines Lebens. Ich wusste nicht, wie ich das jemals verarbeiten soll oder gar damit weiterleben soll. Ich war bei einer Gruppe von Erstdiagnostizierten. Ich war bei einer Psychologin. Ich hab meinen Job hingeschmissen. Mein Leben drohte mir zu entgleiten, es war unfassbar schwierig.

Seitdem sind vier Jahre vergangen. Meine Oma und meine Mutter sind verstorben. Ich hab angefangen Avonex zu spritzen und nach 9 Monaten aufgehört. Jetzt fühle ich mich zum ersten Mal in diesen vier Jahren wieder „normal“. Auch so ein entsetzliches Wort. Denn was ist schon „normal“? Aber ich fühle mich nun endlich wieder „nicht krank“ (abgesehen von dieser ständigen Müdigkeit, meinen Sehproblemen und was man sonst so Wehwehchen hat). Ich habe meinen Traum verwirklicht selbstständige Fotografin zu werden, ich bin nach Deutschland gezogen, ich habe hier super Freunde und ich fühle mich einfach… naja… normal halt.

Jetzt genehmige ich mir eine kleine Zigarre und ein alkoholisches Kaltgetränk auf dem Balkon und denke nicht mehr allzuviel an die Schrecken der vergangenen vier Jahre. Ich blicke lieber in die Zukunft, schmiede Pläne und bin gespannt was da noch so kommen mag.

Cheers.

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