4 Jahre MS… und alles normal

Diesen Artikel wollte ich eigentlich schon vor ungefähr einem Monat geschrieben haben, aber ihr kennt das ja… es gibt immer tausend Dinge, die einem von den Dingen abhalten, die man eigentlich machen möchte. Ganz schlimm.

Vor genau vier Jahren. Naja. Vier Jahren und einem Monat wurde bei mir MS diagnostiziert. Wie das schon klingt. Diagnostiziert. Ein ekelhaftes Wort. Noch viel ekelhafter war, wie es dazu kam, was da alles dranhing und was ich da vor vier Jahren (und einem Monat) durchmachen musste.

Es war ein grauer, widerlicher Wintertag. Ich weiß es noch genau: ich saß in einem dunklen Kämmerlein bei einem Chefarzt Dr. Sowieso der Augenklinik in einem der modernsten und größten Krankenhäuser Europas. Er tippt etwas in seinen Computer und sagt völlig beiläufig, emotionslos und gelangweilt „NA, sie haben Multiple Sklerose. Gehen’s runter in die Neurologie, wir sind nicht mehr zuständig“ Herzrasen. Schweißausbruch. Panik. Ungläubligkeit. Angst. Übelkeit. Nervenzusammenbruch. Ich stammle noch irgendwas und wackle dann mit weichen Knien zwei Stockwerke runter, gebe da meinen Papierkram ab um mich dann wieder mehrere Stunden im Wartebereich aufzuhalten. Alleine. Mit diesen Worten im Ohr, die noch nachklingen „Sie haben Multiple Sklerose“ Vor meinem geistigen Auge fahre ich schon im Rollstuhl durch die Gegend. Ich wollte doch noch soviel sehen, erleben, reisen, machen. Ich dachte, ich hätte noch das ganze Leben vor mir und noch soviel Zeit für alles. Ich war 27 Jahre jung. Aber ich fühlte mich alt.

Diesem Moment sind eine erstmal als Riss in der Netzhaut fehldiagnostizierte Sehnerventzündung voraus gegangen. Mir wurde das Aug in der Notaufnahme gelasert. Zwei Tage später war ich auf einem Aug komplett blind und mit starken Schmerzen bin ich wieder in die Notaufnahme. Von da zur Augenambulanz. Zum MRT. Zu unzähligen Tests.

Ich hab meinen Flug nach Thailand verpasst wo meine beste Freundin geheiratet hat. Ich hätte Trauzeugin sein sollen. Das Kleid hängt heute noch (!!!) mit Preisschild in meinem Schrank. Ich werde es nie anziehen und niemals wegwerfen. Es hängt da einfach. Als stilles Mahnmal.

In der selben Woche wurde bei meiner Mutter Lungenkrebs im Endstadium festgestellt. Meine Oma lag bereits im Sterben.

Es folgten weitere Tests und eine Lumbalpunktion (Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit), nur um endgültig festzustellen dass ich MS habe.

Der Sehnerv hat sich nicht mehr vollständig erholt, es ist eine Sehbehinderung an meinem rechten Aug entstanden.

Es war das beschissenste Jahr meines Lebens. Ich wusste nicht, wie ich das jemals verarbeiten soll oder gar damit weiterleben soll. Ich war bei einer Gruppe von Erstdiagnostizierten. Ich war bei einer Psychologin. Ich hab meinen Job hingeschmissen. Mein Leben drohte mir zu entgleiten, es war unfassbar schwierig.

Seitdem sind vier Jahre vergangen. Meine Oma und meine Mutter sind verstorben. Ich hab angefangen Avonex zu spritzen und nach 9 Monaten aufgehört. Jetzt fühle ich mich zum ersten Mal in diesen vier Jahren wieder „normal“. Auch so ein entsetzliches Wort. Denn was ist schon „normal“? Aber ich fühle mich nun endlich wieder „nicht krank“ (abgesehen von dieser ständigen Müdigkeit, meinen Sehproblemen und was man sonst so Wehwehchen hat). Ich habe meinen Traum verwirklicht selbstständige Fotografin zu werden, ich bin nach Deutschland gezogen, ich habe hier super Freunde und ich fühle mich einfach… naja… normal halt.

Jetzt genehmige ich mir eine kleine Zigarre und ein alkoholisches Kaltgetränk auf dem Balkon und denke nicht mehr allzuviel an die Schrecken der vergangenen vier Jahre. Ich blicke lieber in die Zukunft, schmiede Pläne und bin gespannt was da noch so kommen mag.

Cheers.

Update

Wow, es sind schon fast 6 Wochen vergangen seit dem letzten Eintrag. Ich bin euch mal wieder ein Update schuldig. Wollte zwischendurch immer wieder mal schreiben, aber konnte mich irgendwie nicht dazu aufraffen. Es wechseln sich zur Zeit Phasen ab in denen es mir halbwegs gut geht und Phasen in denen es mir richtig beschissen geht. Nicht nur körperlich, vor allem psychisch! Wobei letztere immer mehr werden und länger anhalten.

Erstmal etwas Positives: Vor 2 Wochen habe ich es geschafft mir mal wieder selbst meine Spritze zu setzen. Seitdem ist der Knoten geplatzt und ich denke, ich kann in Zukunft selbst spritzen und bin nicht mehr auf die Hilfe von meinem Freund angewiesen. Ich eier auch nicht mehr so bescheuert rum und hab die Panikattacken unter Kontrolle bekommen. Die Nebenwirkungen sind DEUTLICH besser geworden und ich bin auch runter von den Ibus. Während ich in den letzten Monaten Ibuprofen 600 eingeworfen hab wie andere TicTacs, nehme ich jetzt nur noch am Tag der Spritze und am Tag danach welche. Und sonst halt im akuten Bedarfsfall. Aber schonmal ein besseres Gefühl nicht dauernd Schmerztabletten nehmen zu müssen.

Ich nehme nun eine Ibuprofen 600 etwas VOR der Spritze, spritze dann Mittwoch abends so gegen 21/22 Uhr und ganz knapp bevor ich schlafen gehe nehme ich noch eine Ibuprofen 600. Diese Dosis hilft mir mittlerweile die krassesten Nebenwirkungen zu überschlafen. Am nächsten Tag nehme ich die Tabletten nach Gefühl und Bedarf. Angenehm ist diese Prozedur immer noch nicht. Und dieses monatlich Rezepte holen und in die Apotheke rennen geht mir irgendwie auch aufn Keks. Man wird dadurch einfach ständig daran erinnert, dass man „krank“ ist. Ich will nicht „krank“ sein. Ich will mich auch nicht „krank“ fühlen.

So, das war mal der Teil zur Spritze.

Was den Rest meines Lebens betrifft könnte man es kurz als Katastrophe zusammenfassen. Ich bin generell unzufrieden mit allem – Job, Beziehung, Gesundheit. Mein Lebenstraum zerbricht, ich fühle mich manchmal wie gelähmt und außerstande mein Leben in die richtige Richtung zu lenken. Es ist als würde ich daneben stehen und zusehen wie mein Leben aus den Fugen gerät.

Zusätzlich bin ich dauergestresst, nicht nur aber auch durch diese Situation. Es ist auch jobtechnisch gerade sehr viel zu tun, ich hechel meiner Arbeit hinerher, die ich nur noch halbherzig ausführe. Ich fühle mich ausgebrannt und urlaubsreif, komme derzeit aber nicht zur Ruhe. Und andauernd höre ich, dass ich mich doch nicht so stressen soll. Stress sei ja so ungesund. Stress fördere die Verschlechterung. Aber wenn man mich ständig darauf hinweist ändert das rein gar nichts.

Gnah.

Es ist auch viel zum warm um einen klaren Gedaken zu fassen!

Öffentlich darüber sprechen

Gestern hat dieser Artikel unter meinen Freunden auf Facebook die Runde gemacht: http://www.feeistmeinname.de/2013/05/fee-ist-mein-name-und-ich-habe-multiple.html

Es geht darin um eine junge Bloggerin, die sich erstmals öffentlich dazu bekennt mit MS zu leben. Ihre Diagnose liegt ähnlich wie bei mir etwa drei Jahre zurück. Und sie hat mir an vielen Stellen aus der Seele gesprochen – wie etwa, dass sie oft Ausreden erfindet oder Verabredungen absagt weil es ihr nicht so gut geht oder es jetzt Zeit für die Spritze ist. Wenn es andere Menschen nicht wissen, kann das schnell falsch verstanden werden. Das kann ich so gut nachvollziehen.

Mich hat der Artikel angeregt nochmal darüber nachzudenken, ob es gut oder schlecht ist darüber zu sprechen – vor allem so öffentlich. Mit der Familie und engen Freunden kann man ja ganz offen darüber sprechen, man vertraut ihnen und hat nichts zu befürchten. Mal abgesehen davon, dass ich keine Familie mehr habe…

Gleich nach der Diagnose bin ich selbst ziemlich offen damit umgegangen, habe aber schnell gemerkt dass es vielleicht nicht die beste Idee ist. Vor allem wenn man etwas ins Internet schreibt – das kriegt man da nie wieder raus und wer weiß wer das alles liest. Surfen nicht nur nette Menschen in diesem Internet.

Ich bin zwar selbstständige Fotografin, aber das ist nicht mein erlernter Beruf und ich arbeite noch nicht immer in diesem Bereich. Was, wenn ich in einigen Jahren nicht mehr fotografieren will oder kann und wieder einen Job suche? Das ist meine allergrößte Befürchtung. Dass ich nie wieder einen Job finde. Ich bin als Selbstständige auch nicht wirklich gut versichert, ich hab keine Arbeitslosenversicherung und keine Altersvorsorge. Ich zahle im Staat Deutschland nichts in den Topf ein (außer natürlich UNMENGEN an Steuern, aber von denen hab ich ja nicht viel) also werde ich auch nie was bekommen hier. Ich lebe ja nun auch noch nicht allzulange in Deutschland und habe 10 Jahre lang meine Sozialabgaben brav in einem andren Land geleistet – aber davon hab ich jetzt natürlich auch nichts mehr. Ich habe auch keine Familie, weder Eltern noch Großeltern noch sonst irgendjemand mit dem gleichen Erbgut, der mir mal aushelfen könnte wenn es hart auf hart kommt.

Jetzt hab ich doch kurz meinen Faden verloren. Also zurück zum Thema: Ich würde prinzipiell auch verdammt gerne einfach mal allen Leuten sagen, dass ich MS habe und dass ich mich dafür nicht zu schämen brauche und auch nicht verstecken muss. Ich hab’s mir ja schließlich nicht ausgesucht. Es würde bei manchen vielleicht das Verständnis für viele Dinge erhöhen. Aufgrund dieser ständigen Geheimnistuerei hat man ja als Betroffener erst das Gefühl, dass man etwas verstecken müsse und von der Gesellschaft nicht akzeptiert würde.

Auf der anderen Seite hab ich natürlich tierische Angst, dass es überall rumerzählt wird und ich nie wieder einen Job finde. Meine größte Angst ist, irgendwann gar kein Geld mehr zu haben und unter der Brücke zu enden. Ich hab mich schon einmal in meinem Leben aus so einem Loch befreit, hatte wenig Geld, drei Kredite zu bedienen und keine Unterstützung von irgendeiner Seite. Kurz bevor ich meine Schulden nach sehr sehr langer Zeit fast abbezahlt hatte kam die Diagnose. Und die Panik. Flucht aus meiner Heimat. Selbstständig machen. Volles Risiko. Ob das so clever war?

Ich habe auch Angst, dass ich keine Aufträge mehr bekomme wenn es vielleicht Kunden erfahren. Die wollen nix mit einer Kranken zu tun haben oder haben Angst, dass ich an dem Tag dann wegen Krankheit ausfallen. Natürlich besteht diese Möglichkeit immer – aber auch einem völlig gesunden Menschen kann ein Auto über den Fuß fahren oder ein Blumentopf auf den Kopf fallen (beides ist mir übrigens auch schon passiert). Aber wir müssen es nicht schön reden, die Gefahr aus gesundheitlichen Gründen auszufallen ist bei einem MS-Patientin doch erhöht.

Es ist ein Teufelskreis. Ich fühle mich oft alleine und unverstanden, aber kann auch nicht darüber sprechen.

MS und Partnerschaft

Offenbar ist heute, am 29. Mai 2013, der Welt-MS Tag. Da für mich jeder Tag MS-Tag ist hat es für mich jetzt nicht soooo unbedingt eine besondere Bedeutung. Wichtig wäre natürlich noch mehr über das Thema MS aufzuklären und „normaler“ damit umzugehen. Es ist ja wirklich immer noch ein Tabuthema, ich erzähle es ja auch kaum jemanden – aus Angst keine Aufträge mehr zu bekommen und nie wieder einen Job zu finden.

Ich hab gerade diesen Artikel gefunden zum Thema MS und Partnerschaft und fand den ganz interessant: http://kurier.at/lebensart/gesundheit/multiple-sklerose-nagelprobe-fuer-die-liebe/13.182.501

Ich hab selbst noch nicht wirklich oft über das Thema Partnerschaft hier geschrieben, aber in dem Artikel habe ich mich sofort selbst wiedererkannt… Mein Freund und ich sind in der Zeit zusammengekommen als ich grade frisch diagnostiziert war. Wo andre ins Kino und Essen gehen waren wir im Krankenhaus, bei Ärzten, hatten ne Lumbalpunktion und viele viele andre (unanagenehme) Dinge mehr. Und auch heute – 3,5 Jahr danach – belastet es unsere Beziehung sehr. Nicht, weil die Krankheit per se ein Problem für meinen Freund darstellt (so denke ich zumindest) sondern weil ich soviele Probleme damit habe. Ich fühle mich nicht mehr als vollwertige Frau, mehr so als wandelnde Katastrophe. Mich plagen Zukunfts- und Existenzängste und ich verfalle immer wieder in Depressionen. Es ist sehr schwer sich aus dieser Spirale nach unten zu befreien. Und natürlich belastet das alles unsere Beziehung.

Über das Thema Sexualität rede ich auch nicht unbedingt gerne, aber bei uns ist schon lange tote Hose. Und mit lange mein ich LANGE. Monatelang. Ein halbes Jahr bald. Und ich hab keine Ahnung was man dagegen tun soll. Ein paar Kerzen anzünden und ein nettes Abendessen bringt da nix, also bitte erspart mir derartige Ratschläge…

Es gibt heute von 19 – 21 Uhr wohl auch einen Live Chat zum Thema MS und Sexualität, bei dem man seine Fragen loswerden kann oder einfach lesen kann was andere schreiben, denn oft stellen dann ja andre genau die Fragen, die einen selbst beschäftigen: http://www.sexmedpedia.com/pages/chat

So, jetzt muss ich mich weiter meiner Arbeit widmen und schiebe das Thema MS wieder gaaaaaaaaanz weit nach hinten in meinem Kopf. Obwohl heute Abend ja mal wieder die Avonex Spritze dran ist. Die achte mittlerweile. Berichte folgen natürlich!

Avonex – mein 2. Mal!

Es wird Zeit für einen Bericht über die zweite Avonex Spritze zu schreiben. Kann euch da ja nicht mit der Horrorgeschichte vom letzten Mal ohne Update hängen lassen.

Eigentlich wäre Dienstag ja der Spritzentag, aber den hab ich jetzt erstmal auf Mittwoch verlagert. Erscheint mir jobtechnisch einfacher für die nächsten Wochen. Außerdem war ich da wieder zurück zuhause und nicht mehr bei Aufträgen im Ausland.

Gut, dann kam der Mittwoch Abend und ich wollte mir die Spritze „schnell“ in einer Werbepause beim Fernsehen geben. Jaaaa. Das hat so mal nicht funktioniert. Ich hab dat Dingens zusammengebaut und die dekorative Schablone an den Oberschenkel gehalten, die Stelle desinfiziert, die Spritze angesetzt und dann…. erstmal nix getan. Mit angesetzter Spritze saß ich dann da. Unfähig auf den Auslöser zu drücken. Man muss ja eh nicht wirklich spritzen sondern nur auf den Kopf oben drücken, damit die Spritze in den Muskel schießt. Nur.

Nagut, nach einer halben Stunde war absehbar, dass ich das erstmal nicht hinkrieg. Pen zur Seite geworfen und weiter trotzig ferngeschaut. Eine Stunde später dann der nächste Versuch. Wieder Schablone angesetzt, wieder desinfiziert, wieder drangehalten, wieder unfähig abzudrücken. Man muss dazu sagen, ich bin jetzt nicht so der große Schisser. Ich hab auch keine große Angst vorm Zahnarzt wie andre Menschen zum Beispiel. Ich kann mich in solchen Situation ganz gut zusammenreißen, weil ich weiß dass es gut für mich ist und es halt einfach sein muss. Aber jedesmal, wenn ich den Entschluss gefasst habe jetzt wirklich abzudrücken und schon angesetzt hatte überkam mich eine kleine Panikattacke. So richtig. Mit wallendem Blut, Herzrasen, Schweißausbruch, Zittern. Panik eben. Dann liefen mir schon die Tränen runter. Selten stelle ich mich so wie ein Mädchen an und das passt mir eigentlich auch gar nicht in den Kram. Ich mein, wer gibt mir denn die verschwendete Lebenszeit zurück? Ich will nicht irgendwann nach meinem Tod eine Liste in der Hand halten auf der steht:

„Labello in der Handtasche suchen………….. 4 Tage, 12 Stunden, 8 Minuten
An der roten Ampel stehen………………… 19 Tage, 4 stunden, 13 Minuten
U-Bahn hinterher rennen…………………… 7 Stunden, 48 Minuten
Eine Spritze an den Oberschenkel halten und dabei blöd dreinschauen…… 25 Tage, 7 Stunden, 20 Minuten“

Man verschwendet eh schon soviel Zeit mit andren unsinnigen Dingen, da muss das nun wirklich nicht auch noch sein. Wobei ich es auch ziemlich bescheuert finde, dass ich ja nicht nur Zeit verschwende indem ich blöd dahock und mich wie ein Mädchen anstell, weil ich mir die Spritze nicht setzen kann – es geht ja auch Zeit verloren wenn man sich mit Schmerzen, Schüttelfrost, Übelkeit und allen andren unmöglichen Zuständen im Bett wälzt.

Zurück zum Thema. Spritze setzen wurde dann irgendwann für unmöglich befunden und ich wollte es gar nicht machen. Die Panik war größer als alles andre und diese Frage „warum soll ich das überhaupt tun?“ wurde so übermächtig. Ich sehe einfach keinen Vorteil daraus mich solange so mies zu fühlen.

Vor genau 3 Jahren und 3 Monaten war mein Leben noch in Ordnung. Da hatte ich wahrscheinlich auch schon MS, aber noch nicht diagnostiziert. Und es ging mir soviel besser als jetzt wo ich ja „in guten Händen“ bin und „froh sein kann, in einem Land zu leben mit so einem tollen Gesundheitssystem“. Ich hatte noch soviele Träume und Ziele und Vorstellungen. Dazu gehörte bestimmt nicht abends wie eine Bekloppte mit einer Spritze in der Hand vorm Fernseher zu hocken.

Ich war also schon vorm Aufgeben, als ich beschlossen habe, dass mein Freund die Spritze abfeuern muss. Es ist einfacher, wenn jemand andres das tut. Dass ich ihn damit wahrscheinlich in keine angenehme Position gebracht habe tut mir sehr leid. Er möchte mir ja keine Schmerzen zufügen und ich will ihn auch nicht noch mehr in dieses MS-Ding reinziehen. Er leidet ohnehin schon genug darunter, weil ich nicht damit und mit meinem Leben derzeit klarkomme. Aber das ist ein andres Thema und kann ich in einem andren Beitrag mal genauer darstellen.

Er hat sich also bereit erklärt, die Spritze zu setzen und dann war das Zeug endlich im Oberschenkelmuskel. Die Spritze selbst war wie beim ersten Mal auch nicht so schlimm, es kam nur ein kleiner Tropfen Blut und es fühlt sich halt an wie sich eine Spritze anfühlt. Diesmal hab ich schon ein paar Stunden davor Ibuprofen600 genommen und gleich nach der Spritze wieder. Und dann bin ich direkt ins Bett gegangen. Es war dank dem Herumgezeter auch schon sehr späte und ich war erschöpft. Trotz meiner immer noch aufkeimenden Angst und Panik konnte ich aber einschlafen und hab zu meinem Erstaunen viel besser geschlafen als beim ersten Mal. Und generell waren die Nebenwirkungen viel weniger und nicht so stark wie beim ersten Mal. Sie waren auch nicht angenehm, aber ich war vor Schmerzen nicht gelähmt. Das ist ja zumindest schonmal ein Hoffnungsschimmer.

Allerdings überlebe ich keinen einzigen Tag ohne meine Ibuprofen600 – das kann doch nicht gesund sein?! Heute ist Montag und somit ist die Spritze 5 Tage her – habe immer noch Schmerzen und merke sofort wenn die Wirkung der Schmerztabletten nachlässt. Hoffentlich wird man nicht süchtig danach?!

Obwohl ich einen Haufen Broschüren zum Thema Avonex und MS mitbekommen habe, habe ich noch immer nicht so ganz verstanden was Interferon ist und warum ich es nehmen muss…

In zwei Tagen ist wieder Spritzen-Tag und ich befürchte, es muss wieder mein Freund machen. Obwohl die Nebenwirkungen wesentlich besser waren werd ichs nicht übers Herz bringen „abzufeuern“.

Zwischenbericht

Ich bin gerade immer noch im Ausland unterwegs, übermorgen fliege ich aber nach Hause. ENDLICH. Mir ist das reisen und der damit verbundene Stress und teilweise vielen Aufträgen in kurzer Zeit schon manchmal zuviel. Aber das ist halt teil meines Jobs.

Die letzte Spritze ist fast eine Woche her und es geht mir wieder halbwegs erträglich. Ich nehme aber immernoch Ibuprofen, weil ich mich immer noch sehr schlapp fühle und Kopfschmerzen habe.

Morgen wäre es soweit und ich müsste mir die nächste Avonex verpassen. Habe beschlossen es nicht zu tun. Ich kann es einfach nicht. Allein der Gedanke daran treibt mir Tränen in die Augen und alles verkrampft sich total. Vor allem weil ich übermorgen zurück fliegen muss und dann sicher noch unter den heftigen Nebenwirkungen leide. Erstmal hab ich die Mission auf Mittwoch verschoben. Da bin ich abends wieder zuhause und am Donnerstag hab ich keine Termine und kann den ganzen Tag zuhause vor mich hin wimmern, wenns wieder so schlimm wird wie letztes Mal.

Ich frag mich allerdings immer noch, ob es den Aufwand wirklich wert ist. Oder ob ich lieber gleich auf ein Präperat wechseln soll, dass man sich öfter spritzt?! Hab wirklich Angst, dass es mit diesem Avonex Scheiß auch in einigen Wochen nicht besser wird. Ich versuch zwar nicht zu oft dran zu denken, dass ich mir bald die nächste Spritze geben muss, aber ich tu’s trotzdem. Ständig muss ich dran denken, dass ich es ja wieder machen muss. Darunter leidet die Lebensqualität enorm. Also nicht nur die Nebenwirkungen selbst sondern auch diese Panik. Ich zweifel wirklich stark daran, dass es sich lohnt….

Fragen Fragen Fragen

Bald ist es soweit, ich habe meinen „längeren“ Termin mit Dr. Spaßbremse. Der erste wirklich ernsthafte Termin seit langer Zeit. Seit meinem Umzug habe ich das Thema ganz nach hinten geschoben und ignoriert und Ende letzten Jahres habe ich mich nun doch aufgerafft und mir einen neuen Arzt in der Gegend gesucht. Obwohl die MS schon vor drei Jahren festgestellt wurde, habe ich sie bisher mehr oder weniger erfolgreich einfach ignoriert. Nach den anfänglichen Untersuchungen und Prozeduren hab ich mich nicht wirklich weiter drum gekümmert. Aber nachdem alle andren Ärzte – vom Hausarzt über Zahnarzt bis hin zum Hautarzt – mir raten „es mal wieder anschauen zu lassen“. Man muss ja sogut wie bei jedem Arzt angeben, ob Vorerkrankungen bestehen. Wahrheitsgemäß beantworte ich diese Frage immer schulterzuckend mit „Jo, ich hab MS.“

Nachdem ich zum ersten Termin schonmal bei Dr. Spaßbremse war, kamen die üblichen Überweisungen zu den üblichen Verdächtigen. Musste zur Abwechslung mal wieder ein MRT vom Schädel und der Halswirbelsäule machen und außerdem auf den elektrischen Stuhl (eine Nervenleitgeschwindigkeitsmessung machen lassen). Das hab ich alles brav gemacht und dann um erneute Audienz ersucht. Diese wird mir nach wochenlangem Warten nun in den nächsten Tagen gewährt. Obwohl ich mich jetzt nicht direkt auf den Termin freue, bin ich trotzdem gespannt was man mir denn da so erzählen wird. Und weil mir schon viele Fragen im Kopf rumschwirren, habe ich angefangen diese alle mal aufzuschreiben. Das sind die groben Themengebiete, die mich interessieren:

*) Therapie
*) Nebenwirkungen
*) Ernährung & Sport
*) Mein Job
*) Zukunft
*) Kinder

Das ist mal wirklich nur supergrob zusammengefasst. Mir schwirren tausend Dinge durch den Kopf und ich hab soviele Fragen. Leider weiß ich jetzt schon, dass ich nicht auf alles eine befriedigende Antwort bekommen werde. Das ist ja immer das Bescheuerte an dieser MS. Man kann es nicht sagen.

Melde mich nach dem Arzttermin wieder mit Updates und News.